4. April 2016

Konzept des Gedenkorts

Burak Bektaş – Platz

dsc_0009Auf einem kleinen, grünen Platz im Süden von Neukölln sitzen ein paar Erwachsene und un­terhalten sich. Eine Familie hat im Schatten der Bäume einen Grill aufgebaut. Eine Gruppe Jugendlicher hört Musik. Mitten auf dem Platz steht eine große Skulptur, die sich in den Himmel dreht. Eine Tafel am Rande der Skulptur erinnert an einen jungen Mann – an Burak Bektaş. Die Menschen auf dem Platz kennen seine tragische Geschichte. Sie macht traurig und wütend. Sie ist die Geschichte eines ungeklärten Mordes an einem jungen Neuköllner, einem Nachbarn, einem Freund. Der Platz erinnert an diese Ge­schichte. Und er erzählt gleichzeitig eine zweite: Eine Geschichte vom Kampf um Aufklärung, vom Zusammenkommen und von Solidarität.

Ein Gedenkort für Burak Bektaş

Der in der Nähe des Tatorts geplante Gedenkort für Burak Bektaș mit seiner mahnenden Skulptur in der Mitte steht für all den Schmerz, die Trauer und die Wut, welche seine Angehörigen seitdem begleiten. Es war der Wunsch von Melek Bektaș, der Mutter von Burak, einen sichtbaren und lebendigen Gedenkort für ihren Sohn zu schaffen. Er soll die Erinnerung an Burak wachhalten und den Mordfall im öffentlichen Bewusstsein verankern. Der Platz soll nach Burak Bektaş benannt werden.

ohnetitel2Der Gedenkort soll den Angehörigen und Freund*innen des Ermordeten als Ort des öffentlichen Gedenkens, der nachbarschaftlichen Begegnung und der individuellen und emotionalen Verarbeitung des Mordes zur Verfügung stehen.

Der Gedenkort wird die Auseinandersetzung mit dem Mord nicht abschließen, sondern darauf aufmerksam machen, dass die Tat bis heute nicht aufgeklärt ist. In Kooperation mit Schulen und Jugendclubs wird der Gedenkort darüber hinaus ein Ort des Lernens sein und auf die vielen weiteren unaufgeklärten Morde an Migrant*innen verweisen. Es geht nicht nur um diese einzelne Tat, sondern auch um den alltäglichen Rassis­mus, dem Menschen mit Migrationsgeschichte in der Gesellschaft ausgesetzt sind.

Die Schaffung des Gedenkortes soll dementsprechend von vielfältigen Aktivitäten begleitet werden, die darauf abzielen, in die öffentliche Debatte, in der Rassismus in all seinen gewaltsamen Ausprägungen häufig geleugnet oder relativiert wird, politisch zu intervenieren. Durch Aktivitäten zu den Todestagen von Burak Bektaş, durch Veranstaltungen und Pressemeldungen wird die Öffentlichkeit informiert und der politische Druck auf die ermittelnden Behörden aufrechterhalten.

Ein zentrales Anliegen der Arbeitsgruppe „Gedenkort für Burak“ ist es, die Angehörigen von Burak Bektaş in die Konzeption und Gestaltung des Gedenkortes einzubeziehen. Um den Gedenkort auch im Stadtteil zu verankern, sind wir auf die Unterstützung durch lokale Akteur*innen angewiesen und bemühen uns um eine Zusammenarbeit mit ihnen.

Lage des Gedenkortesgedenkort-burak-lageplan-c

Der Tatort in der Nähe des Vivantes-Klinikum-Neukölln ist als Gedenkort nicht geeignet, da er direkt an einer vielbefahrenen Straße liegt und der Gehweg nur wenig Platz bietet. Eine geeignete Fläche befindet sich in der Nähe des Tatortes an der Rudower Straße Ecke Laubsängerweg. Es handelt sich um eine kleine, unbebaute Grünfläche, deren Eigentümer der Bezirk Neukölln ist.

 

metalllegierungGestaltung des Gedenkortes

Die seit 1970 in Berlin lebende Künstlerin Zeynep Delibalta hat ei­nen Vorschlag für die zentrale Skulptur des Gedenk­ortes eingebracht, welcher bei der Familie und den Angehörigen breite Zustimmung findet. Ihren Entwurf hat sie „Algorith­mus für Burak und ähnliche Fälle” genannt. Die 180cm hohe, aus Bronze gegossene Fi­gur wird den Mittelpunkt des Gedenkortes bilden. Darüber hinaus wird der umliegende Platz von Landschaftsarchitekt*innen ansprechend gestaltet, um zum Verweilen einzuladen.

Hier eine Kurzfassung von Zeynep Delibaltas Vorstellungsrede für den Entwurf, den sie „Algorithmus für Burak und ähnliche Fälle“ genannt hat:

Es handelt sich um eine spiralförmige Figur, die oben sieben in sich gedrehte „Finger“ hat. Spiralen sind eine universelle Form. Sie taucht bei Blüten und Pflanzen auf, aber auch als Form von Galaxien. Die Zahl Sieben hat seit vielen Tausend Jahren eine besondere Stellung in vielen Kulturen und in den verschiedenen Religionen. Es gibt die biblische Geschichte von den sieben mageren und den sieben fetten Jahre im alten Ägypten. Die Menora ist der siebenarmige Leuchter von Jüdinnen und Juden. Im Islam gibt es die sieben Himmelsreiche und Christ*innen kennen die sieben Tugenden und die sieben Todsünden. Da ist auch die Rede von den sieben Weltwundern, eine Woche hat sieben Tage und Verliebte schweben im siebten Himmel.
Auch Mathematiker*innen finden, dass die Sieben eine besondere Zahl ist. Unter den ersten zehn Zahlen fällt sie aus dem Rahmen, weil man sie als einzige Zahl weder als Produkt noch als Quotient anderer Zahlen von eins bis zehn darstellen kann. Eine Regel für die Teilbarkeit durch 7 führt zu einem einfachen Algorithmus.

Ein Algorithmus ist
1. eine präzise, d.h. in einer festgelegten Sprache abgefasste, endliche Beschreibung eines allgemeinen Verfahrens unter Verwendung elementarer Verarbeitungsschritte zur Lösung einer gegebenen Aufgabe.
2. ein Lösungsverfahren in Form einer Verfahrensanweisung, die in einer wohldefinierten Abfolge von Schritten zur Problemlösung führt.

Algorithmus für Burak und ähnliche Fälle! Algoritma Burak ve benzeri davalar için!

Ein Algorithmus zum Lösen von Fällen wie dem Mord an Burak ist noch nicht gefunden. Es braucht dafür die Veränderung von Ermittlungsmethoden, ein öffentliches Bewusstsein und den politischen Willen.

Wer unterstützt uns?

Die Neuköllner Bezirksverordnetenversammlung (BVV) begrüßte erstmals den Gedenkort mit Beschluss vom Juni 2016. Die Initiative wird seitdem vom Museum Neukölln beraten. Im Januar 2017 beschloss die BVV den Gedenkort mit der Mehrheit von SPD, Grünen und Linken und gegen die Stimmen von CDU, AfD und FDP. Laut Beschluss werde das Bezirksamt Neukölln die in der Nähe der Todesstelle gelegenen Grünfläche Rudower Straße Ecke Laubsängerweg für die Einrichtung des Gedenkortes zur Verfügung stellen. Die Gestaltung der Grünfläche obliege der „Initiative für die Aufklärung des Mordes an Burak Bektaş“.
Weiterhin haben sich das Berliner Theater Hebbel am Ufer, verschiedene Politiker*innen auf Bezirks­, Landes­ und Bundesebene und weitere Gedenkinitiativen bundesweit für den Gedenkort ausgesprochen und Fürsprachen verfasst.

Finanziell unterstützt wird die Initiative von zahlreichen Einzelpersonen sowie insbesondere vom TBB (Türkischer Bund in Berlin-Brandenburg), der Asien AG der Stiftung Umverteilen und der Initiative für einen Gedenkort ehemaliges KZ Uckermark.

Unterstützung erhält die Initiative auch durch Berliner Kulturstätten, die diverse Freikarten, Gutscheine und andere Geschenke für die Spendenkampagne zur Verfügung stellen: Admiralspalast, Anne Frank Zentrum, Berliner Ensemble, Deutsches Historisches Museum, junge Welt, Jungle World, iz3w, Kino Krokodil, Maxim Gorki Theater, Missy Magazine, Museum für Kommunikation, Museum Neukölln, Neuköllner Oper, Schwules Museum, Sophiensaele, Staatliche Museen Berlin, Yorck Kinogruppe.

Ein Teil des Vorhabens wird durch den Solidaritätsfonds der Hans-Böckler-Stiftung finanziert.

 

kreis_spenden_sideFür die Finanzierung des Gedenkortes werden 50.000,- EUR benötigt. Wir würden uns freuen, wenn Sie uns mit einer Spende unterstützen!

 


Die Übersetzung ins Türkische folgt.


Die Übersetzung ins Englische folgt.